W as die Welt im Innersten zusammenhält ist die sprichwörtliche Frage nach den großen Zusammenhängen des Daseins. Dabei beginnt die Welt, die uns ganz unmittelbar zusammen und am Leben hält, nur ein paar Millimeter unter der Hautoberfläche. Von der ungeahnten Maschinerie des Stofflichen mit ihren Blutgefäßen, Nerven, Sehnen, Knochen und Knorpeln haben wir keine Vorstellung, weil wir uns nie von innen gesehen haben. Umso überraschender ist der Moment, einem Chirurgen im OP über die Schulter zu sehen. Diese Faszination begleitet mich, wenn ich bei Prof. Dr. Hans Behrbohm Aufnahmen für die erweiterte Neuauflage seines Buches "Essentials of Septorhinoplasty. Philosophy - Approaches - Techniques" mache. (Wie man sich aus dem Englischen ganz leicht übersetzen kann, geht es um die Chirurgie der Nase.)
Ein heikles und kleines Feld, denn die Nase, so weiß man, liegt mitten im Gesicht. Und was prägt uns mehr als dieses? Der kunstgeschichtlichen Dimension vom idealen Schnitt ungeachtet grenzen Nase und Nebenhöhlen an Augen und das zentrale Nervensystem, was medizinische Eingriffe nicht erleichtert. Empfindliche Strukturen überall. Wovon in der unmittelbaren Szene im OP für den Laien jedoch nicht viel zu sehen ist. Gesichtszüge und Proportionen sind unter grünen Tüchern verschwunden, Strukturen im Inneren der Nase bleiben rätselhaft.
Dabei geht es um den Auftrag, dokumentarische Bilder für ein Fachpublikum zu erstellen, auf denen die jeweiligen Strukturen der Nase erkennbar sind, und wie sie durch bestimmte Operationstechniken verändert werden. Es geht z. Bsp. darum, eine bestimmte Nahttechnik nachvollziehbar zu zeigen. Und das - in Dimensionen von Sachaufnahmen gedacht - sehr schnell. Der Fotograf ist auf die Rolle des Zuschauers beschränkt, kann nicht rücken, ausleuchten oder ähnliches, denn die Operation darf nicht verzögert werden.
Erst in zweiter Linie kann die bildnerische Aufgabe folgen, etwas von dem zu zeigen, was die Bedeutung im übertragenen Sinne ausmacht: die perplexe Archaik des geöffneten Körpers und die Virtuosität des Fachs und seiner Vertreter, mit diesen Größen umzugehen.
Hier verlassen wir den medizinischen Kontext und betreten das Feld der Ästhetik.
Vieles von der Arbeit des Fotografen liegt darin, dem eigenen Sinn fürs Atmosphärische zu folgen und das Bild zu ergreifen, von dem man der Auffassung ist, es ist ein Äquivalent des Erlebten. In diesem intuitiven Verhalten von Erkennen und Gestalten gibt es wiederkehrende Momente, die sich durch wiederholte Erfahrung in verschiedenen Bereichen vertiefen und als allgemeine Gegebenheiten verdichten. Bei den Operationen von Hans Behrbohm ist das die Selbstverständlichkeit und der Rhythmus der Handgriffe, die den Bildern seiner Arbeit über das Wort "routiniert" hinaus Besonderheit verleihen. Die Arbeit wird Ausdruck. Wer bedeutende Musiker beobachtet hat, sieht in ihren Bewegungen den Unterschied - sichere Bestimmtheit in schnellen wie ruhenden Momenten, nichts zu viel, nichts zu wenig. wo das Bild mehr als Worte sagt. Ob man das Perfektion, Könnerschaft oder große Professionalität nennt, ist nicht die Frage des Bildes. Sondern den Moment der größten Korrelation anzuhalten, einzupacken und mitzunehmen.
Vincent Mosch, 20.02.2009
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